Cremen für den richtigen Teint - Die Geschichte der Sonnencreme

2017 gaben die Deutschen rund 170 Millionen Euro für Sonnencreme aus. Laut dem Marktforschungsunternehmen Nielsen sind das in etwa 40,5 Millionen Packungen. Was heute also für die Meisten selbstverständlich ist, war über Jahrhunderte hinweg überhaupt kein Thema. Erst vor 85 Jahren erblickten die ersten Sonnencremes das Licht der Welt. Die Geschichte dahinter ist geradezu revolutionär. 

 

„Vornehme Blässe“ 

Denn bis dahin war gebräunte Haut in Europa und den anderen Teilen der heute so bezeichneten „westlichen Welt“ nahezu verpönt. Sie galt als Zeichen von Armut. Braun gebrannt waren Bauern und Sklaven, die ihren Lebensunterhalt draußen erarbeiten mussten. Die Wohlhabenden waren blass – „vornehm blass“. Schon der Antike Philosoph Homer bezeichnete das ideale Hautbild als „weißer als Elfenbein“. Das Schönheitsideal der „vornehmen Blässe“ änderte sich auch in den folgenden Jahrhunderten nicht – bekam lediglich andere Bezeichnungen. Im Mittelalter hieß sie „kindliche Haut“ und in Renaissance und Barock „Emaillehaut“. Um eine solche makellos blasse Haut zu erhalten, benutzten die Damen Seifen, Cremes oder schminkten sich mit Bleichmitteln. Im Zweifel wurde sogar der Arzt gerufen, damit er einen Aderlass vornahm.

 

Die Industrialisierung brachte Sonnenbäder  

Mit der Industrialisierung änderte sich das jahrhundertealte Schönheitsideal fundamental. Frühe Pharmakologen machten auf die Gesundheitsschädlichkeit des Bleiweißschminkens und der enthaltenen Giftstoffe aufmerksam. Zudem erkannten die Ärzte, dass Sonne für die Bildung bestimmter Vitamine wichtig war, und rieten vermehrt zu Sonnenbädern, um Krankheiten vorzubeugen. Gebräunte Haut wurde ein Zeichen von Wohlstand: Nur, wer überhaupt Freizeit hatte, konnte diese draußen verbringen. So entstand das neue "Hautideal". Es war Teil eines komplett neuen Körperbewusstseins, das zu Beginn des 20 Jahrhunderts aufkam: Die sogenannte Lebensreform. Sie verstand sich als Antipode zur Industrialisierung , als Ausgleich zur Arbeit in Fabrik oder Kontor. Sie propagierte Gesundheit durch Sport, Disziplin und eben Sonnenbäder.   

 

„Sonnenverbrannt ist Ehrensache“

Bis jedoch alle über genügend Freizeit verfügten, die sie mit Sport und Sonnenbädern verbringen konnten, dauerte es noch eine ganze Weile. 1918 wurde in Deutschland der acht Stunden Tag eingeführt; Mitte der 1920er Jahre erlebte Deutschland dann eine wirtschaftliche Blüte, Freizeit und Konsum wurden für viele möglich. Der sonnengebräunte Körper wurde nun flächendeckend zum sportlich aktiven, dynamischem, jugendlichen und vitalen Attribut einer gesunden Lebensführung . Was heute – angesichts der Sorge vor Hautkrebs einen Schrecken auslöst   wurde damals freudig propagiert. Das Deutsche Modemagazin „Die Dame“ erklärte 1929: „Sonnenverbrannt ist Ehrensache“. Schließlich zeuge die Sonnenverbrannte Haut „von Gesundheit, Frohsinn, gutem Mut, sportlicher Betätigung, Reise und dokumentiert äußerlich die Teilnahme an den Dingen, die das Leben so angenehm und abwechslungsreich und zugleich gesundheitsfördernd gestalten.“ 

Allerdings konnten Sonnenbrände, wenn sie zu stark waren, nicht nur sehr schmerzhaft sein. Blasen und sich pellende Haut waren außerdem nicht mehr schön anzusehen. Wie konnte es gelingen, einen gesunden Teint zu bekommen, ohne sich zu verbrennen?
Wie gut, dass sich die Wissenschaft schon mit dem Thema beschäftigt hatte. Strahlentherapeuten rund um den bei Siemens, Halske arbeitenden Physiker Wilhelm Hauser entdeckten Ende der 1920er Jahre die UVB- und UVA-Strahlung– und damit auch, welche Strahlung für den Sonnenbrand verantwortlich war. Während die UVA-Strahlung tief in die Haut eindringt, bleibt die UVB-Strahlung an der Oberfläche der Haut und sorgt dort für Entzündungen, bevor sie dann aber lebensnotwenige Vitamine (Vitamin D) bildet. Damit war klar: Wer sich vor Sonnenbrand schützen wollte, musste sich vor UVB-Strahlung schützen. Das war die Geburtsstunde der Sonnencreme.
 

 

Sonnencreme für eine "gesunde Bräune"

Den Anspruch darauf, die erste Sonnencreme zu sein, erheben heute verschiedene Firmen. Piz Buin etwa begründet seinen Anspruch auf der Geschichte des Chemiestudenten Franz Greiter, der 1938 den Berg Piz Buin, der zwischen Österreich und der Schweiz gelegen ist, bestieg – und sich dabei einen schlimmen Sonnenbrand zuzog. Angeblich entwickelte er anschließend in einem kleinen Labor im Haus seiner Eltern eine Rezeptur für eine Creme, die die Haut vor der Sonne schützen sollte. Daraus entwickelte sich später die Produktlinie Piz Buin. L’Oréal hingegen findet, dass der Ruhm für die erste Entwicklung einer Sonnencreme dem damaligen Firmenchef Eugène Schueller gebührt. Er experimentierte zunächst selbst, übertrug die Aufgabe dann seinen Chemikern und Laborassistenten und brachte 1936 eine Tinktur auf den Markt, mit der sich Sonnenbrand vermeiden ließ. Der Name, Ambre Solaire, wird heute noch für Sonnenschutzprodukte des Konzerns verwendet.

Tatsächlich aber gab es die erste Sonnencreme in Deutschland: 1933, vor 85 Jahren, brachte die Bayer-Tochter Drugofa Delial auf den Markt. Das Mittel enthielt einen UVB-Lichtschutzfaktor. Mitte der 30er-Jahre wurde das Produkt an norddeutschen Stränden beworben. In den 1950ern kam zusätzlich zur Sonnencreme die erste Delial-Sonnenmilch auf den Markt, die einige Jahre später in unterschiedlichen Lichtschutzfaktoren angeboten wurde. Ab den späten 1960er Jahren brachten mehrere Hersteller Schutzcremes gegen die UVA-Strahlen heraus, nachdem man festgestellt hatte, dass diese krebserregend sein können. Mitte der 1970er folgten wasserfeste Cremes und Lotionen.

 

Gesunde Bräune gibt es nicht?

Trotz dieses Erfolges steht die Sonnencreme aktuell in der Kritik . Stichwort: Verschmutzung der Meere durch Mikroplastik und Nanopartikel. Einige Kritiker sprechen der Sonnencreme auch ihre Wirksamkeit ab und behaupten sogar, dass ein Teil ihrer Inhaltsstoffe krebserregend ist. Geklärt ist das abschließend noch nicht. Was aber klar ist: Anders als früher gelten Sonnenbäder heute als gefährlich. Experten raten, die Sonne nur dosiert zu genießen und sie zur Mittagszeit gar komplett zu meiden. Wer das beherzigt, brauche keine Sonnencreme mehr. 

Das Schönheitsideal wandelt sich: Nicht die Bräune zählt, sondern die Gesundheit. Das wiederum erinnert ein wenig an die Bleiweißschminke aus vergangener Zeit:  Viele Jahrhunderte lang von Frauen benutzt, um dem damaligen "Hautideal" einer vornehmen Blässe nachzueifern, verschwanden sie fast ganz von der Bildfläche. Warten wir also ab, wie es der Sonnencreme in den nächsten Jahrzehnten ergehen wird.

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