60 Jahre lang perfekt - Barbie hat Geburtstag

Die einen finden sie wunderschön und lieben ihren „Stil“. Anderen ist sie genau deshalb ein Dorn im Auge. Sie werfen ihr vor, Oberflächlichkeit, ja sogar Dummheit zu säen. Über kaum ein Spielzeug wird so kontrovers diskutiert wie über die Barbie. Das geht schon so, seit sie heute vor genau 60 Jahren das Licht der Welt erblickte. 

 

Barbie war Revolution und Provokation – und wohl auch als solche gedacht. Immerhin wollte ihre Erfinderin, die US-Amerikanerin Ruth Handler (1916-2002), eine völlig neue Puppe schaffen. Sie sollte vom üblichen Baby- oder Kleinkinderschema der Spielzeugpuppen abweichen und sich stattdessen am Aussehen der lebensgroßen Schaufensterpuppen als Anziehpuppen mit Erwachsenenfigur orientieren. Inspiration erhielt Handler,die seit Mitte der 1940er Jahre mit ihrem Mann einen mittelständischen Betrieb für Holzrahmen und Spielwaren führte, dabei ausgerechnet aus Deutschland. In den 1950er Jahren begeisterte dort die BILD-Zeitung ihre Leser mit einer Comic-Figur namens Lilli. Sie war so beliebt, dass es sie schon bald als Puppe gab. Ruth Handler entdeckte sie 1958 bei einer Europa-Reise und entwickelte daraufhin ihre erste Barbie-Puppe, die am 9. März 1959 das Licht der Welt erblickte. Die weißhäutige Ur-Barbie hatte eine blonde, beziehungsweise brünette Ponyfrisur mit Pferdeschwanz.

Bruch mit Konventionen

Mit Barbie hatte Handler die Zeichen der Zeit erkannt. Damals brach die westliche Welt auf zu neuen Ufern. Der Weltkrieg war vorbei und mit seinem Ende verschwanden auch die alten Eliten und der lange vorherrschende Konservatismus sukzessive. Die Jugend verschaffte sich Gehör und wollte sich bewusst von der Generation ihrer Eltern abgrenzen. Von den USA ausgehend entwickelte sich eine neue Jugendkultur: Rockabillys oder Halbstarke. Sie hörten Elvis Presley oder Bill Haley, tanzten Rock ‘n Roll und küssten sich öffentlich auf der Straße. Eine Modepuppe wie Barbie, die geschminkt war, Brüste hatte und kurze Kleider trug, passte perfekt zum neuen Zeitgeist. Im Massenkonsum wuchsen Kinder und Jugendliche zudem zu einer interessanten und kaufkräftigen Zielgruppe heran. 

Doch nicht alle waren von der neuen Puppe begeistert - im Gegenteil. In ihrer Biografie erinnerte sich Handler einst: „50 Prozent unserer Einkäufer waren dagegen, ich glaube, viele hatten Angst, dass Mütter keine Puppe mit einem Frauenkörper kaufen würden ... natürlich hatten sie Unrecht.“  Tatsächlich wanderten laut der Welt bereits im ersten Verkaufsjahr 350.000 Puppen über die Ladentheke.

 

Ein Kind ihrer Zeit

Wie stark Barbie vom Zeitgeist geprägt war und ihn auch weiter selbst prägte, zeigt ein Blick auf ihre weitere Entwicklung. Recht schnell wurde die 30 cm-große Puppe berufstätig, bekam ein eigenes Auto, ein Haus und ihren On-Off-Freund Ken, den sie nicht einmal heiraten musste. Ganz so, wie es der Besitzerin der Barbie-Puppe gefiel. So weit eigentlich ganz fortschrittlich und feministisch, hätte Barbie nicht ein Problem gehabt: ihren Körper. Der war schon immer Anlass für Kritik. Handler hatte nämlich einen entscheidenden Fehler gemacht. Sie hatte ihrer Puppe falsche Körpermaße verpasst. Maße von  "99-46-84"  sind buchstäblich unrealistisch. Ärzte monierten, dass die schmale Puppentaille kaum genügend Platz für Organe ließe. Frauenrechtler und Ernährungsexperten warnten vor der zweifelhaften Vorbildfunktion der Plastikblondine für Kinder. Doch die jungen Verbraucher störte das nicht. Wieso auch? Barbie stand auf eigenen Beinen, lebte sogar in einem Traumhaus und das mit oder ohne festen Partner. Wer bitteschön kannte denn selbst eine Frau, die im wahren Leben so viele Freiheiten genoss? Das sah auch ihre Erfinderin Ruth Handler so. Kritikern entgegnete sie oft, dass ihre Barbie doch Dutzende Berufe ausübe – bis hin zur US-Präsidentin.

 

Diversität oder Diskriminierung?

Nach der Jahrtausendwende geriet Barbie bei ihren Verbrauchern dann aber doch in Misskredit. Vorbei die Zeiten, in denen sie Barbie für fortschrittlich hielten. Das Frauenbild wandelte sich. Auch ihre Anhänger sahen in Barbie nur noch einen falschen, einen „zu perfekter“ Körper.  Zwischen 2012 und 2014 brachen die Barbie-Verkäufe um 20 Prozent ein. Erst seit sich Mattel 2016 für mehr Diversität entschied, geht es mit der Barbie wieder aufwärts. Heute gibt es weitere Körperformen und mehr Vielfalt in der Barbie-Linie. Die Puppen gibt es jetzt auch in „petite“ und „curvy“ – also in klein oder mit etwas mehr auf den Hüften. Und auch kulturelle Vielfalt entdeckte das Unternehmen über die Jahre für sich – „brünett mit Afro-Style“ heißt eine der Puppen im Online-Shop des Herstellers

Barbie hat sich durch die Maßnahmen wieder regeneriert– 2018 überwand die Puppe die Schallmauer von einer Milliarde Dollar Bruttoumsatz. Aber ist das „Körperproblem“ damit tatsächlich vom Tisch? Ist es wirklich damit getan, unterschiedliche Barbie-Figuren zu schaffen, ihnen dann aber Labels wie „curvy“, „petit“ oder „sonst wie“ aufzudrücken?

Die Antwort lautet: nein. Körper sind individuell. Das ist ganz normal – auch bei uns Menschen. Bei einer Puppe, mit der bereits kleine Kinder spielen, sollte das entsprechend auch so sein. Gibt man dem Normalen aber unterschiedliche Namen, macht man einen Unterschied, man stigmatisiert. Dadurch schafft man Abgrenzung statt sie aufzulösen. Diversität wird so zu Diskriminierung. Das gilt für Barbie ebenso wie für ihren Dauerfreund Ken, den es inzwischen auch in verschiedenen Körperfarben und -formen gibt.

 

Das alles zeigt: Auch als Oma ist Barbie noch immer umstritten und erfolgreich. Man kann auch sagen: Sie ist sich all die Jahre treu geblieben. Und das würde wohl auch ihre , wenn man so will, "Mutter" Ruth Handler, die 2002 im Alter von 85 Jahren verstarb, mit Stolz erfüllen. In diesem Sinne: Happy Birthday zum Sechzigsten!

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